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Geschichte des Boogie Woogie & Blues Pianos

Von Ammons bis  Zwingenberger:
Eine kurze Geschichte des Boogie Woogie & Blues Pianos


Wie kommt es zustande, dass trotz der  heutigen Medienüberflutung  die Stilrichtung des klassischen Boogie Pianos immer noch eine so große Fan-Gemeinde findet?

Wer einmal ein richtiges Boogie-Konzert miterleben durfte, versteht es direkt:  Boogie ist ein  zwölftaktiges Antidepressivum, das den Zuhörer automatisch in gute Laune versetzt. Auch zurückhaltendes Publikum taut spätestens nach dem ersten Chorus auf. Die echten Boogie Fans dagegen  sind schon beim Erscheinen des Boogie-Pianisten "aus dem Häuschen". Sie ziehen direkt mit: Zwischenapplaus, Pfeifen und Mitswingen sind angesagt. Ansteckender kann Klaviermusik kaum sein. Boogie Laune entsteht durch die einmalige Mischung aus  Kraft, Swing, Frische und Blues, sehr  rhythmisch, vorwärts gerichtet und scharf akzentuiert,  zwischendurch verträumt - melancholisch, aber nie kitschig oder sentimental.

Es gibt eine ganze Reihe hervorragende Werke und Beiträge im Internet zu Geschichte von Boogie Woogie. Die Leser finden dort  unterschiedliche Schwerpunkte: Musikwissenschaftliche Betrachtungen, Hintergründe oder  die z.T. spektakulären Biographien der ehemaligen Wagenwäscher, Spülhilfen  und Taxifahrer,deren Leben turbulent, ungesund , nicht ein wenig bürgerlich und leider meistens relativ kurz gewesen ist.

YouTube: Ein zwölftaktiges Antidepressivum


Die Wurzeln: Soziokulturelle und musikalische Ursprünge

Die Ursprünge des Boogie Woogie sind alles andere als folkloristisch-lustig und meilenweit von jenem kitschigen Mythos entfernt, der sich zu Blues- und Ghospelgesängen sanft wiegende schwarze Sklaven auf weißen Baumwollplantagen vorstellt.
Boogie Woogie ist auch nicht das gediegene Barrelhouse-Kneipen-Piano,  fröhliche Nächte mit heiteren, friedlichen Zuhörern.

Boogie Woogie das ist: Aus dem Klavier ein Schlagzeug machen, das darum kämpft in einer lautstarken Kakophonie aus Kartenspiel, Prostitution, Messerstechereien und Mord die Stimme zu erheben.

Carnegie Hall und „Boogie an drei Flügeln“ – das alles kommt erst viel später. Pinetop Smith, Ammons, Lewis und Co stecken noch in den Windeln, als die ersten unbekannten Boogie-Woogie Spieler in den texanischen Vorzimmern zur Hölle auf ihre einfachen Pianokisten einschlagen.

USA, Texas, um 1900: Es ist das Zeitalter der Eisenbahnen. Schwarze, rhythmisch dröhnende und grell pfeiffende Ungetüme, die vor allem eins brauchen: Holz. Holz zum Heizen, Holz für Schienen, Holz für Brücken. Der Osten von Texas hat Holz. Riesige Kieferwälder bedecken große Teile des Landes. Kiefern, die nicht nur Holz liefern, sondern deren Harz auch die Basis für Terpentinöl darstellt, dass hier abgezapft, in Fässer (Barrels) abgefüllt und in sog. Barrelhouses zwischengelagert wird. Die Arbeit ist hart. Bäume werden nach wie vor per Hand gefällt, zerteilt und mit Hilfe von Pferden und Ochsen bis zur nächsten Bahnstation abtransportiert. Die Sklaverei ist seit 1865 zwar offiziell abgeschafft. Aber die weißen Grundbesitzer der Südstaaten haben sich per Gesetz (Black Codes) ein findiges System geschaffen, um Schwarze weiterhin in eine brutale Schuldknechtsklaverei zu pressen. Die Arbeit in den Holzfäller-und Terpentinlagern wird zu 99% von Schwarzen bestritten, bewacht von weißen Aufsehern. Freizeit gibt es nur Nachts und am Wochenende. „Turpentiners“ gelten als Abschaum. 2-3 Morde pro Wochenende sind in den Lagern normal. Glücksspiel, Prostitution, Messerstechereien und Besäufnisse in den zu einfachen Kneipen umfunktionierten Barrelhouses sind der einzige Ausgleich zu der Knochenarbeit. Dazu kommt die Musik. Mit Eisenbahnen von Lager zu Lager reisende schwarze Self-made-Pianisten, die für einen Hungerlohn acht Stunden spielen und froh sein können, wenn Messer und Kugeln sie verschonen. That`s Boogie Woogie!


Der Anfang vom Anfang


Der Weg von diesen Mythos umgebenen Barrelhouses bis in den urbanen Norden  war geographisch wie musikalisch weit: Die historische „Dokumentation“ hierzu besteht häufig aus Hypothesen und  Über- lieferungen. Die übliche Methode war die Weitergabe vom Musiker zu Musiker, ohne Notenpapier bzw. Aufnahmegeräte.

Ein Diskussionsbeitrag der Musikhistoriker fasst die Verbreitung des Boogie von Texas nach Chicago zusammen:

“Dr. John Tennison of San Antonio, founder of the Boogie Woogie Foundation, believes brothers Hersal and George W. Thomas were responsible for bringing the Boogie Woogie style from such barrelhouses in East Texas to Houston, and then to New Orleans and Chicago.
In Texas, the term “Booger Rooger,” was used by blues guitarist Blind Lemon Jefferson as early as 1917-18. However, the earliest evidence of “Boogie Woogie” as a descriptor of piano music was in the 1923 reprinting of George Thomas’ “New Orleans Hop Scop Blues” in which Clarence Williams wrote that, while Boogie Woogie originated in Texas, it wasn’t called that until after George Thomas heard, further developed the style, and first published “New Orleans Hop Scop Blues” in 1916.” (Bob Bowman: “How Boogie Woogie began”: TexasEscapes. Com, Dez. 2005).


Wegbereiter: Pianisten der ersten Generation

Wie der echte „Südstaaten Klavierstil“ klingen sollte, zeigten den Großstadt-Musikern u.a. die Geschwister Thomas, die den Ursprung des Boogie von Texas nach Chicago brachten: Gorge Thomas, Hersal Thomas und deren Schwester Sippie Wallace. In die Boogiegeschichte ging v.a. das Wunderkind Hersal Thomas ein, der 1924, im Alter von 14 Jahren eine Klavierrolle mit einem wegweisenden Klavierstück „The Fives“ einspielte (piano rolls für elektrische Klaviere waren damals noch sehr verbreitet). In „The Fives“ steht der Zug und seine rollende Vorwärtsbewegung zum ersten Mal im Mittelpunkt. Das Thema "Zug"  findet im Verlaufe der Boogiegeschichte noch einige weitere Variationen (z.B. im „Honky Tonk Train Blues“ von Lux Lewis).

Der vielversprechende junge Musiker, der in Chicago als „King of House Rent Boogie Parties“ gefeiert wurde, starb leider im Alter von 18 Jahren unter nie zu Ende geklärten Umständen an einer Lebensmittevergiftung. Seine Schwester Sippe Wallace gehörte zu einer der bekanntesten Bluessängerinnen und wurde in Deutschland durch die Zusammenarbeit mit Axel Zwingenberger bekannt, der ihr den „Blues for Sippie Wallace“ widmete. Sie erreichte ein hohes Alter und starb 1986 mit 88 Jahren.

Lem Fowler (1900-1960): Ein weiterer Pianist der ersten Stunde, als „mystery figure in jazz history“ bezeichnet, hatte in seiner produktiven  Zeit 23 piano rolls aufgenommen.

Sucht man nach dem Ergebnis der frühen Entwicklung, so könnte man sich auf die vereinfachte musikalische Formel für Boogie „Ragtime plus Blues ergibt Boogie Woogie“ einigen. Typisch dabei  - die zwölftaktige Bluesform, in der die linke Hand eine feste Bassfigur spielt, während die reche für die Melodie zuständig ist.

Es waren auf jeden Fall die Pianisten der ersten Generation wie Cow Cow Davenport,  Clarence Pinetop Smith, Jimmy Yancey, Jimmy Blythe, Montana Taylor, Cripple Clarence Lofton,  die Ragtime und Blues kombinierten und den Grundstein für den „klassischen“ Piano Boogie Woogie legten.

Einer der ersten Boogie-Woogie Pianisten, der mit seiner eigenen Musik berühmt wurde, war Charles Edward Davenport (1894-1956). Schon als Zwölfjähriger wollte er gegen den Willen der Familie Musiker werden. So hat man ihn ins Priesterseminar geschickt, wo er aber wegen Spielens von Ragtime rausgeworfen wurde. In den 1920er Jahren erwarb er sich den ersten Ruhm als Begleiter der Bluessängerinnen Dora Carr und Ivy Smith. Mit seinem Stück „Cow Cow Blues“, in dem er mit dem Klavier einen Zug imitierte, schuf er sowohl seinen Spitznamen „Cow Cow“ als auch einen der meistgespielten Boogies aller Zeiten. Die Wirtschaftskrise und ein Schlaganfall unterbrachen seine Karriere in den 1930er Jahren. Eine zeitlang musste er als Spülhilfe arbeiten, bis er von dem Jazzpianisten Art Hodes wiederentdeckt und rehabilitiert wurde. Davenport war ein produktiver Songwriter, der - wie so viele andere Musiker – die Veröffentlichungsrechte an seinen Songs gegen eine geringfügige Gage abgetreten hat. Von den üppigen Tantiemen für seine erfolgreichen Hits bekam er im Alter keinen Cent.


Was war - außer der Wirtschaftskrise - das Hauptthema in Chicago Ende der 1930er Jahre? Natürlich die Prohibition (1919-1932). Diese unerfreuliche Tatsache hatte wiederum dem Piano - Boogie zur Popularität verholfen. In Amerika herrschte die Prohibition und in Chicago, eines der großen Boogie und Blueszentren wurde in den kleinen Flüsterkneipen („Speak Easies“) und bei den sog. „House-Rent-Parties“ nicht nur Selbstgebranntes oder Geschmuggeltes heftig konsumiert, sondern auch fetziges Piano Boogie gespielt. Auf einer solchen Party hat auch der Autodidakt aus Alabama - Clarence Pinetop Smith (1904-1929) seinen Pinetop`s Boogie zum ersten Mal gespielt. Das Stück basiert auf dem 1925 veröffentlichten „Jimmys Blue´s“ von Jimmy Blythe (1901-1931), dem einflussreichen Boogie Pianisten, der schon mit 30 Jahren an den Folgen einer Meningitis verstarb. Es war Davenport, der Pinetop dringend empfohlen hatte, von Pittsburgh, wo er mit Ma Rainey (voc.) – der „Mutter des Blues“ arbeitete -, nach Chicago zu kommen.
Der Pianist von dem kein Foto existiert, wurde nicht nur deshalb zur Legende, dass er als erster offiziell ein Stück mit Boogie Woogie auf einer Schallplatte betitelte und dadurch den Namen Boogie Woogie prägte - Pinetop`s Boogie Woogie, aufgenommen fünf Monate nach dem „Cow cow Blues“. Drei Wochen lang spielte er acht Stücke ein, bevor das Label am 29 Dezember 1928 den Pinetop`s Boogie freigab und für veröffentlichswert erklärte.
Sein Ruhm erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass er im Alter von 24 Jahren, bei einer Schießerei, an der er nicht beteiligt war, ums Leben kam. Einen Tag vor der geplanten zweiten Plattenaufnahme. Aus solchem Stoff müssen Legenden entstehen: Die meisten Boogie-Pianisten der Folgegenerationen nahmen in ihr Programm einen „eigenen“ Pinetop´s  Boogie auf.

Jimmy Yancey (1898-1951), geboren in Chicago, zählt in der Boogie Geschichte zu „The Outstanding Figures“. Das Vorbild für Ammons, Lewis und Johnson – hatte selbst nie auf einer „echten“ Bühne Piano gespielt. Am liebsten spielte er privat, unter Freunden. In seiner  Wohnung traf sich die Boogie Szene von Chicago – auch Albert Ammons und Lux Lewis. Erst durch die „Öffentlichkeitsarbeit“ des Duos wurden Produzenten auf ihn aufmerksam: „Yancey  Stomp“ wird 1939 aufgenommen. Ein besonderes Ereignis im Leben des Musikers, der am liebsten nie die Stadtgrenzen von Chicago verließ, war ein Trip nach Europa, wo er vor dem Königshaus im Buckingham Palace spielte. Yancey wurde in den achtziger Jahren in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen.

YoutTube -  Boogie Woogie History Part II

Als die exzentrischste Entertainerpersönlichkeit der Chicagoer Boogie und Blues Szene  ist sicherlich „Cripple“ Clarence Lofton (1896 -1957) zu nennen. Er beeindruckte das Publikum durch sein undiszipliniertes  Pianospiel und die Showeinlagen während seiner Auftritte.  Mit äußerst expressiver Mimik sang er, schnippte gleichzeitig mit den Fingern wie ein spanischer Tänzer, wechselte  blitzschnell  vom Piano zum Schlagzeug und steppte dabei beeindruckend trotz seines lahmen Bein. Musikalisch passierte es häufig, dass er einen neuen Chorus begann, bevor er den ersten beendete. Das Zwölftaktmuster des Blues wurde auf 9, 10 oder 11,5  Takte reduziert (z.B. „I Don’t Know“). Seine bekanntesten Werke sind: "Strut That Thing", "Monkey Man Blues", "I Don't Know" und "Pitchin' Boogie".


Exkurs:  Der Boogie Pianist auf den  "House-Rent- Parties"


Der Boogie-Pianist erreichte in dieser Zeit  eine besondere soziale Stellung. Er spielte auf verschiedenen Parties, wo Spezialitäten wie Kutteln, gekochter Eibisch, Bratfisch oder Eierpuntsch serviert wurden. Seine Dienste waren sehr gefragt, und er hatte Zugang zu all diesen Pay-Parties ohne bezahlen zu müssen.
Der "Vater des stride pianos" James P. Johnson erzählte: " Wenn du gut Klavier spielen konntest, wurdest du von einer Party zur anderen herumgereicht, und alle waren sehr um dich bemüht, fütterten dich mit Eiscreme, Kuchen, Speisen und  Getränken. Tatsächlich waren einige der größten Könner der Branche auch als die größten Esser bekannt, die wir hatten. Auf einer Party , die die ganze Nacht dauerte, fingst du um ein Uhr morgens an, um vier Uhr bekamst du die zweite Mahlzeit. Viele von uns hatten später unter Eß- und Trinkgewohnheiten zu leiden, die wir uns in unseren jungen, geselligen Tagen angewöhnt hatten" (aus LeRoi Jones: "Blues People",  S. 156)

Auch Pinetop Smith "erzählt " in seinem "I`m Sober Now"  folgendes:

"I don't mind playin' anytime y'all can get me drunk,
 But Mr. Pinetop is sober now.
I been playing the piano round here all night long
And y'all ain't bought the first drink somehow"


Boogie Piano und die „Great Depression“


Bevor das Boogie  Piano den Höhepunkt  seiner Entwicklung in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre erreichte, brachte die große Wirtschaftskrise auch für die Boogiepianisten eine längere Durststrecke.
Die  „Grosse Depression“, die am 29. Oktober 1929 („Schwarzer Dienstag“) mit dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Börse begann,  setzte sich bis zur Mitte der 1930er Jahre fort. Viele Fabriken und Büros mussten schließen, 15 Millionen Menschen wurden arbeitslos, die Durchschnittslöhne fielen um 60%,  lange Menschenschlangen, die auf Arbeit- oder Lebensmittel warteten,  prägten das Straßenbild. Die Musikindustrie wurde ebenfalls erschüttert: Viele Nachtklubs, Jazzkeller und Kabaretts mussten schließen oder ihre Künstler entlassen, die Schallplattenindustrie war fast mit einem Schlag ruiniert. Ein Großteil der Musiker, insbesondere die Afroamerikaner,  arbeitete nun in schlecht bezahlten Jobs, um sich und die Familie über Wasser zu halten. So z.B. Meade „Lux“ Lewis:
„Meade “Lux” Lewis found great difficulty in obtaining work as a pianist and spend some time on relief working on a Works Progress Administation (WPA) shovel gang. These government projects gave work to the millions of unemployed and involved them in labouring or contruction work on community-service or public-service projects. Lewis also worked on relief washing cars.” (P. Silvester: “A Left Hand like God: A Study of Boogie Woogie”, S. 95)


Die „Goldenen Jahre“:  Carnegie Hall und Cafe Society


Die „goldenen“ Zeiten für Boogie Piano wurden einerseits durch den Aufschwung im Musikleben nach der Überwindung der großen Wirtschaftskrise Mitte der 1930er Jahre begünstigt. Andererseits spielte bei dieser Entwicklung  der Talent-Scout  John Hammond (1910-1987) eine entscheidende Rolle.
John Hammond  war nicht nur reich sondern auch musikalisch gut vorgebildet. Klassische Musikausbildung wurde in seiner Familie von ihm erwartet.  Er interessierte sich aber seit seiner frühsten Jugend viel mehr für die Musik seiner afroamerikanischen Bediensteten. So brach er sein Viola Studium an der Yale University ab und wurde Promoter, Plattenproduzent und  z.T. gefürchteter Musikkritiker.

Er  machte Boogie „salonfähig“. Im Dezember 1938 und 1939  organisierte er die legendären  „From Spirituals to Swing“ Konzerte, die die Entwicklung der afroamerikanischen Jazzmusik präsentierten und ein regelrechtes Boogie-Woogie-Fieber auslösten. Es wurde überliefert, dass nach einem der Konzerte, die Türsteher einige in Extase geratenen  Boogie Fans auffordern mussten, von den Kronleuchtern runter zu klettern.
Zum Boogie Fieber trug auch die Gründung des Cafe Society in New York durch den ehemaligen Schuhverkäufer  Barney Josephson bei. „Genervt“  durch die immer noch herrschende Rassentrennung in den Musikklubs gründete er 1938 in Greenwich Village den ersten und 1940  einen weiteren gemischtrassiger Club sowohl für Künstler als auch für das Publikum ein. Das  Motto war: „Der richtiger Ort für die Falschen Leute“  - „The right place for the wrong people“.  Auch hier half  in schwierigen Zeiten beratend und finanziell der Promoter John Hammond .  Cafe Society  wurde bald zum Treffpunkt der linken Intellektuellen. Das führte letztendlich in der McCarthy Ära  zu einer äußerst negativen Pressekampagne und zur Schließung im Jahr 1950.
Sowohl in der Carnegie Hall als auch in Cafe Society traten die drei größten Vertreter der nächsten  Pianistengeneration auf:  Albert Ammons,  Meade „Lux“  Lewis und Pete Johnson. Sie  entwickelten eine solche technische Perfektion und musikalische Verfeinerung, das sie zu den bekanntesten Pianisten ihrer Zeit wurden.


Das Große Trio: Albert Ammons, Made "Lux" Lewis und Pete Johnson


YouTube: Boogie Woogie History: Albert Ammons, "Lux" Lewis, Pete Johnson

Albert Ammons  geb. 1907 in Chicago, gestorben 1949 in Chicago mit 42 Jahren

Made "Lux" Lewis geb. 1905 in Chicago,  gestorben 1964 in Minneapolis bei einem Autounfall

Pete Johnson geb. 1904  in Kansas City, gestorben 1967 in Buffalo

Albert Ammon´s  und Meade "Lux" Lewis pianistische Freundschaft ist ausgerechnet mit einemTaxiunternehmen verknüpft: Der Silver Taxicab Company in Chicago.  Um 1925 arbeiteten sie dort zusammen mit weiteren Pianisten als Taxifahrer, "verschwanden" aber während der Arbeit regelmäßig , um gemeinsam woanders Piano zu spielen. Der verzweifelte Besitzer löste das Problem, indem er ein Instrument im Büro der Taxizentrale aufstellte und auf diese Weise "die Jungs" immer einsatzbereit hielt.  In dieser Zeit lebten Ammons und Lewis zusammen mit Pinetop Smith (der Lewis Piano-Unterricht erteilte) in einem Haus. Da nur Ammons ein Klavier besaß, wurde seine Wohnung zum beliebten Treffpunkt für Boogie-Sessions.
Lewis nahm schon 1927 den "Honky Tonk Train Blues" für Paramount auf: Ein Echo aus seiner Kindheit, in der er in der Nähe eines Güterzugbahnhofs aufgewachsen ist. Zu diesem Zeitpunkt war aber das durch die Wirtschaftskrise geprägte Amerika nicht offen für diese Musik.

You Tube: Honky Tonk Train Blues

Der dritte Piano Boogiemeister kam nicht aus Chicago. Pete Johnson  aus Kansas City - ursprünglich Schlagzeuger -  lernte erst mit 18 Jahren Klavierspielen. Er  wurde dennoch zu einem virtuosen Boogie-  und geschätztem Allround Jazzpianisten. Johnson komponierte den Dive Bomber, der zu den komplexesten Boogie Stücken überhaupt gehört.

YouTube: Dive Bomber

Schon in den späten 1920er Jahren arbeitete er mit dem Sänger Big Joe Turner  (1911-1985)  zusammen. Diese Arbeit setzte 1978 Axel Zwingenberger fort: Zusammen mit Big Joe Turner produzierte er  "Let´s Boogie Woogie All Night  Long"  und diese Aufnahme wurde mit dem Deutschen Schallplattenpreis der Phono Akademie ausgezeichnet.

YouTube: Big Joe Turner
Zitat von Big Joe Turner: "We was doin´ rock and roll before anyone ever heard of it."

Ihre größten Erfolge feierten Ammons, Lewis und Johnson in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre, nachdem die Weltwirtschaftskrise langsam überwunden war.

Lewis musste noch bis 1935 als Wagenwäscher arbeiten, um seine dürftigen Einnahmen aufzubessern. Erst als ihn dort der engagierte  Promoter Hammond  persönlich rausholte und nach New York brachte, schaffte er den "Durchbruch".  1935 nahm er den "Honky Tonk Train Blues" ein weiteres Mal auf. Ammons gründete 1934 seine eigene Band - die Rhythm Kings - und nahm 1936 den berühmten Boogie Woogie Stomp auf.

YouTube: Boogie Woogie Stomp 2

Im Dezember 1938 traten Ammons,  Lewis und Johnson  mit Big Joe Turner bei dem bahnbrechenden From Spirituals to Swing Konzert in der Carnegie Hall auf. Das Goldene Zeitalter des Boogie begann - ein regelrechtes Boogie Woogie Fieber war ausgebrochen. In den Folgejahren konnten sich die drei autodidaktischen Meisterpianisten materiell und musikalisch etablieren.  Solo-, Duo- und Trioaufnahmen wurden regelmäßig produziert.  Sie gründeten in New York das Boogie Woogie Trio, welches bald zur Hausband des Cafe Society  wurde.  Johnson und Ammons traten in den 1940er Jahren als ein festes Piano-Duo auf.  Deren perfektes Zussammenspiel steht bis heute als Referenz für alle Boogie Woogie Piano Duos.

YouTube: Boogie Woogie Dream Albert Ammons & Pete Johnson


Ammons, den seine Zeitgenossen als einen sehr lebensfrohen Mann beschrieben , spielte in den 1940er Jahren auch mit Benny Goodmann, Harry James und Lionel Hampton. Kurz vor seinem Tod trat er bei der Amtseinführung von Präsident Harry S. Truman auf.  Zu seinem 100-ten Geburtstag trat  seine Enkelin Lila Ammons  mehrfach  mit Axel Zwingenberger auf.  Sein Sohn Gene Ammons war ein bekannter Tenorsaxophonist.

Johnson  verlor bei einem Unfall 1952 einen Finger und mußte seine Karriere beenden. Trotz regelmäßiger Einnahmen in den goldenen Zeiten, war er in seinen letzten Lebensjahren ziemlich verarmt. Ein deutscher Jazzfan -  Hans Maurer hatte 1965 "The Pete Johnson Story" herausgegeben, um für den Musiker Geld zu sammeln. Das Buch, inzwischen eine Rarität,  ist in nur wenigen Antiquariaten weltweit für sehr viel Geld zu erwerben. Johnson starb 1967.

Hier eine  Leseprobe: "My Man...Pete Johnson"

 
Literatur:

Hans Maurer: The Pete Johnson Story, 1965

Christopher Page: Boogie Woogie Stomp: Albert Ammons & his Music. Cleveland: NE Ohio Jazz Soc., 1997

Peter Silvester: A Left Hand like God: a history of boogie – woogie piano, 1989 (die "Bibel" der Boogie Geschichte)

John Tennison: History of Boogie Woogie, 2007
(momentan nur im Netz abgedruckt); John Tennison ist der Gründer The Boogie Woogie Foundation  - www.bowofo.org)    

Auswahl einiger  Boogie Wooige Artikel im Netz: Boogie Woogie Articels